Mostviertel im Frühling
Tag 1: St. Pölten - Gresten
Nachdem wir schon im letzten Jahr diese Tour probiert hatten (beschrieben ist sie im Bikeline-Führer "Mostviertel" als Meridianradweg) und wegen eines Speichenbruchs und (natürlich) fehlendem Werkzeug bereits in Wieselburg abbrechen mussten, wollen wir es nun noch einmal probieren.
Die ca. 150 km lange Strecke durch's Alpenvorland erscheint uns perfekt als Einstieg in die Radelsaison und zum Prüfen, ob die Ausrüstung den Winter gut überstanden hat. Eigentlich wollten wir ja bereits zu Himmelfahrt unterwegs sein, aber das Wetter war so grauslich und der innere Schweinehund so beredt, dass wir uns dann doch nicht getraut haben.
Relativ früh sind wir in Wien am Westbahnhof gestartet und in den allseits bekannten Radtramper gestiegen, der brechend voll ist - einerseits mit Donauradlern, die zurück zu ihren Autos nach Passau wollten, andererseits mit Tagesausflüglern, die von Melk aus eine kleine Tour in der Wachau wagen wollen. Wer will es ihnen verdenken, das Wetter ist wunderbar, zwischen den Wolken blitzt immer wieder und im Laufe des Tages auch immer häufiger die Sonne hervor, und von einem bisschen Wind (der natürlich, wie könnte es anders sein, von vorne kommt) wird man sich jawohl nicht abhalten lassen. Zum Glück überwacht ein ebenso patenter wie freundlicher junger Mann die Einladeaktionen der vielen Räder in zwei große Waggons, so dass wir zum Glück als letztes drankommen - immerhin müssen wir als erstes in St. Pölten wieder raus. Im Zug gibt es dann noch das beim Bäcker gekaufte erste Frühstück, und schon nach einer knappen Stunde sind wir am Ausgangspunkt unserer Runde angekommen.
Die ersten Kilometer sind ja bereits bekannt, und so führe ich uns schnurstracks durch den Stadtwald und ein Wohngebiet raus aus der Stadt. Bis St. Margarethen padalieren wir zunächst auf Feldwegen, später auf Landstraßen dahin und fahren uns erstmal an den ersten leichten Steigungen und mit Hilfe des kräftigen Gegenwindes ordentlich warm. Der Weg führt parallel zur Westautobahn entlang, die ihr leises Rauschen zu uns herüber schickt, und ist landschaftlich. noch nicht besonders aufregend. Die Blüte der Obstbäume ist leider schon vorbei, statt dessen erfreuen uns unzählige Wildblumen in allen Farben, die uns von ungemähten Wiesen und Ackerrändern entgegenleuchten.
Mit dem Wetter haben wir mehr als nur Glück; obwohl es zwischendurch immer mal wieder so aussieht als ob es gleich anfangen wolle zu regnen bleiben wir doch bis auf ziemlich genau drei Tropfen kurz vor Wieselburg von jeglichem Niederschlag verschont. Statt dessen wird die Sonne zwischenzeitlich so stark, dass wir und echte Sorgen um einen Sonnenbrand machen müssen. Nur der Wind kommt hartnäckig und kräftig von vorn, so dass wir vor allem mit den vielen kurzen Anstiegen wirklich zu kämpfen haben, und auch die Abfahrten sind keine wirklich Entspannung. Hinter St. Margarethen verändert sich die Landschaft, wird hügeliger und die ersten für das Mostviertel so typischen beeindruckenden Vierkanthöfe tauchen auf. Nach jedem Anstieg genießen wir die Aussicht ins Alpenvorland, das sich uns wahrlich majestätisch präsentiert, sogar der Ötscher leuchtet weißbemützt herüber - dieser Anblick wird uns nun auf den folgenden Kilometern begleiten.
Ein Highlight erwartet uns - schon bekannt, aber deswegen nichts weniger bezaubernd - kurz vor Wieselburg, denn dort macht der Weg einige Kilometer einen Schlenker durch das Manktal. Dieses Flüsschen windet sich völlig naturbelassen durch ein wahrhaft idyllisches Tal, rechts und links geht es steil bergauf, wir fahren auf einer schmalen, aber asphaltierten Straße dahin und hören nichts als das Surren unserer Räder, das Plätschern des Wassers und gelegentlich einen Vogelruf.
Sehr erfreulich ist die perfekte Beschilderung der Radrouten "Meridian-Radweg" und "Melker Alpenvorland-Weg" in diesem Gebiet, die immer und vor allem auf den teilweise recht komplizierten Ortsdurchfahrten durchgängig und mit dem Bikeline-Führer übereinstimmend ist.
Ab Steinakirchen schlängelt sich der Welt entlang dem Verlauf des Kleinen Erlauf, was ihn aber nicht davon abhält, immer mal wieder heftige Steigungen einzulegen. Teilweise verläuft parallel auch noch die Bahnlinie zwischen uns und dem Bach - eine Fahrt mit diesem Zug ist sicherlich auch ein Panorama-Genuss. Zwischendurch überholen wir ein flott dahinjoggendes Pärchen, das uns bei einer kurzen Rast nach einer Steigung wieder einholt und sich offensichtlich sehr freut, dass wir kaum schneller voran kommen als sie. Kurz vor Perwarth liegt dann ebenso beeindruckend wie altertümlich die Ruine Perwarth rechts über uns zwischen den Felsen, während zu ihren Füßen ein typisches Landjugend-Fest mit Riesen-Bierzelt und Cover-Combo stattfindet.
Wenige Kilometer weiter kommt in Randegg dann die ersehnte Wende: Die Strecke dreht von Südwest nach Südost, und wir dürfen für die letzten Kilometer der heutigen Etappe doch noch ein bisschen Rückenwind genießen, welch eine Erleichterung. Den Abstecher zum namensgebenden Meridianstein sparen wir uns, statt dessen machen wir uns nun, auch schon ziemlich erschöpft, auf dem schnellsten Weg und über die Bundesstraße auf den Weg nach Gresten, wo wir auf dem Campingplatz unterzukommen hoffen. Das klappt auch, auch wenn wir das einzige Stückchen Wiese belegen, ansonsten ist dieser Platz nämlich ausschließlich mit Dauercampern belegt und ähnelt mit seinen Jagdzäunen und Gartenzwergen eher einem Schrebergarten. Dennoch fühlen wir uns wohl, das Duschhaus ist nah und wird nur von uns benutzt, und die Nudeln Proletara sind köstlich. Nach dem zwar nicht fürstlichen, aber doch sehr üppigen Mahl machen wir denn auch bald die Schotten dicht - zumal es, sobald alle Reißverschlüsse geschlossen sind, sanft aber dauerhaft anfängt, auf unser Zeltdach zu tropfen... ein Geräusch, bei dem man sich im warmen Schlafsack gleich nochmal so wohl fühlt und bei dem es sich hervorragend schlummern lässt.


