Physiktour: Berlin - Kopenhagen - Usedom
Tag 8: Feddet Camping - Kopenhagen
Regenwetter hat einen Riesenvorteil: Man braucht sich um Ungeziefer keine Sorgen mehr zu machen, das bleibt dann brav in seinen Löchern, und so ist die letzte Etappe bis nach Kopenhagen zumindest frei von Krabbeltierchen.
Dänemark zeigt sich auf diesem Teilstück noch einmal von seiner schönsten Seite, der Gesamteindruck wird von Marcus immer wieder nur als „schmuck“ bezeichnet. Alles ist sauber und ordentlich, aber nicht so sehr, dass man sich wie in einem Museumsdorf fühlt, sondern ganz im Gegenteil sehr einladend. Auch die gar nicht lügenden Dänen tragen ihr Teil dazu bei. Obwohl fast alle Dänen recht gut englisch sprechen, ist die Verständigung manchmal eben doch ein wenig holprig – aber irgendwie geht es doch immer, und als Reiseradler der Spediteursklasse ist man in diesem fahrradverrückten Land ohnehin scheinbar ein gern gesehener Gast.
Unser Weg führt uns weiter am Ostseeufer entlang zunächst über die erstaunlich wenig befahrene Bundesstraße nach Fakse Ladeplads – der Hafen von Fakse, wo das europaweit bekannte Faxe-Bier in den berühmten 1-Liter-Dosen herkommt. Nach ausgiebiger Würdigung dieser kulturhistorisch so bedeutsamen Stätte geht es dann auf ruhigen Landstraßen und mit Rückenwind gen Osten an der Fakse Bugt entlang. Nach etwa 30 km erreichen wir Rødvig, wo wir zum einen den dringend benötigten Einkauf erledigen und zum anderen den morgendlichen Koffeinbedarf an einer typisch dänischen Pølserbude stillen – direkt am Hafen und unter den etwas argwöhnischen Blicken dreier älterer, aber topgestylter Rennrad-Fahrer.
Die Kreidefelsen von Højerup und Mandehoved beschauen wir uns nur aus der Ferne, inzwischen fängt das Wetter so langsam an uns Sorgen zu machen; mit 25° C ist es eigentlich ziemlich warm, dennoch frischt der Wind mit eisigen Böen zunehmend auf. Wenn immer mal wieder für ein paar Minuten die Sonne durch die Wolken blitzt, wird es gleich unangenehm schwül – allerdings verdichtet sich die hochnebelartige Bewölkung im Laufe des Nachmittags zunehmend, und die Ostsee liegt als spiegelglatte graue Fläche in der „Ruhe vor dem Sturm“ zu unserer Rechten.
Kurz vor Schloss Gjorslev füllen wir an einer kleinen Dorfkirche mit angrenzendem Friedhof noch einmal unsere Wasserflaschen auf und gönnen uns an diesem idyllischen Fleckchen eine kurze Rast – immerhin folgen wir dem Küstenverlauf in Richtung Osten und fahren damit genau gegen den Wind. Allerdings sind die „Strapazen“ heute in keinster Weise zu vergleichen mit den gestrigen, auch zwischen Anstiegen und Abfahrten sind durchaus Geschwindigkeitsunterschiede zu bemerken. Zwischen Magleby und Strøby kommt dann die große Überraschung: die bisher so perfekt ausgeschilderte und mit unserem Bikeline-Führer auf den Meter übereinstimmende Nationalroute 9 weicht plötzlich frappierend von der Karte ab. Wo es eigentlich in Richtung Strøby und dann über die Bundesstraße gehen soll, führen uns die Schilder über die Felder und in Richtung Ostsee, über Strøbylille nach Strøby Ladeplads, wo man dann entlang der Uferstraße durch ein Gebiet von Strand- und Wochenendhäuschen, Apartmentanlagen und Kleingartenkolonien fährt.
Letztendlich landet man aber doch wieder auf der Hauptstraße – da wir aber ohnehin vom Regen eingeholt werden, ist uns das in dem Moment egal. Den ersten Schauer warten wir in einem Carport in Strøby Egede ab, stellen aber bald fest, dass es sich einregnet und so aussieht, als wolle es die nächsten Stunden sacht vor sich hintröpfeln. Also werden die griffbereiten Regenklamotten übergestreift, und wir machen uns auf den Weg in den nächsten größeren Ort Køge, nur um doch vom nächsten Platzregen vollkommen durchnässt zu werden. Letztendlich finden wir am Hafen in einem sehr urigen, kleinen Restaurant Unterschlupf, wo wir mit heißem Tee und echtem Smørrebrød verwöhnt werden – die Fahrräder stehen draußen im Regen, und wir sind erneut froh um unsere Ortliebs. Die Vorstellung, sich in einer solchen Situation nicht nur um sich selbst, sondern auch noch um den Zustand seiner Socken und Nudelvorräte Gedanken machen zu müssen, löst selbst im Nachhinein noch Stress aus.
Irgendwann kommt der Moment, wo man jede gastliche Stätte verlassen muss, und das blüht uns natürlich auch – aber da aus dem Wolkenbruch inzwischen ein sehr ergiebiger Dauerregen geworden ist, fällt die Entscheidung leicht, die letzten 50 km nach Kopenhagen mit dem Zug zurückzulegen. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, den Fahrkartenautomaten zur Kooperation zu bewegen und schließlicher tatkräftiger Mithilfe eines Beamten dürfen wir den bereit stehenden Regionalzug schließlich auch betreten – die sich in seinem Inneren befindenden Fahrradständer sind auch alle noch frei, werden nach uns allerdings nach und nach befüllt, auch von anderen Reiseradlern, die dem Wetter entkommen wollen.
In Kopenhagen angekommen schickt uns die Tourist-Information zum Campingplatz „Bellahøj“ ca. 6 km außerhalb des Zentrums. Dieser Platz ist ein Phänomen insofern, als er sich vollkommen vom sonst üblichen Standard abhebt: Für 120 DKr geradezu unverschämt teuer, die Autobahn sorgt gleich nebenan für eine ständige Geräuschkulisse, die Wiese ist seit Jahrzehnten nicht mehr gemäht und gleicht stellenweise einer Müllkippe, Rezeption und „Shop“ residieren in einem Baucontainer, die sanitären Anlagen sind aus Vorkriegszeiten, heißes Wasser ist nur mit viel Geduld und noch mehr Glück zu bekommen. Aber egal, wir sind froh, als wir endlich wieder ein Dach über dem Kopf haben, alle Sachen leidlich trocken eingeräumt sind und wir uns in der Apsis den wohlverdienten abendlichen Apfeltee kochen können.




