Von der Donau an den Rhein
Tag 14: Hattenheim - Koblenz
Wir wachen auf und sind guten Mutes – endlich geht es durch das schönsten Stück Rheinland. Was wir bisher gefahren sind, war die Pflicht, jetzt kommt die Kür – hat sowieso niemand geglaubt, dass wir so weit kommen würden.
Noch ahnten wir ja nicht, welche Wegtortur uns für die ersten 20 km unserer heutigen Etappe bevorstehen würde. Wir folgen nicht dem ausgeschilderten Weg, sondern wollen direkt am Fluss entlang fahren – dummer Fehler, ganz dummer Fehler. Im Schritttempo kämpfen wir uns über eine MTB-Traumstrecke, über Stock und Stein im wahrsten Sinne des Wortes, übelsten Schotter, kindskopfgroße Steine, losen Sand – wirklich abenteuerlich.
Bisher haben wir die gesamte Tour ohne Panne überstanden, noch nichtmal ein Platten war zu flicken. Jetzt, in Rüdesheim, ist die Glückssträhne allerdings abrupt zu Ende. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit, ich übersehe einen hohen Bordstein, der Sturz, und schon ist es passiert: Hand verstaucht, Hüfte geprellt, und vor allem: Schaltauge rettungslos verbogen. Da traue ich mich nicht selbst an die Reparatur, es muss ein Fachmann her. Meike macht sich auch gleich auf die Suche, zum Glück hat Rüdesheim mit einem solchen aufzuwarten. Als ich mein Rad in guten Händen weiß und die Zusage habe, es in einer Stunde heil wieder abholen zu können, wird mir das Herz schon leichter; ein wenig humpelnd machen wir uns auf die Suche nach einem zweiten Frühstück. Da wir in der Heimatstadt des guten alten Asbach Uralt sind, finden wir auch einen solchen – im Kaffee wird er zum berühmten “Rüdesheimer Kaffee”, der unsere Laune weiter steigen lässt. Und wirklich, pünktlich kann ich mein Radl wie neu wieder in Empfang nehmen, die Tour kann unbehindert weiter gehen.
Von Rüdesheim aus verlassen wir erstmal dieses ungastliche Rheinufer und wechseln per Fähre auf die linke Seite. Dort verläuft auch der berühmte Rheinradweg, von dem wir das unbestritten schönste Teilstück nun heute noch unter die Räder nehmen wollten: Von Bingen nach Koblenz. Entlang von endlosen Weinbergen, von einer Rheinkurve zur nächsten, taucht doch auf jeder neuen Hügelspitze eine neue Burg oder Burgruine auf. Nicht umsonst ist dies auch das Gebiet der Ausflugsdampfer. Gleich hinter Bingen können wir uns vor “Ahs” und “Ohs” gar nicht mehr halten, obwohl ich das Gebiet eigentlich schon recht gut kenne, eröffnen sich vom Fahrradsattel doch ganz neuen Aus- und Einsichten. Wir sind beide sehr froh, dass wir uns in unserem recht gemächlichen Tempo von Kehre zu Kehre und von Burg zu Burg bewegen können und nicht auf ein Auto, einen Bus oder gar einen dieser schrecklichen volksmusikbedudelten Ausflugsdampfer angewiesen sind. Der Radweg könnte zwar an vielen Stellen schöner geführt sein, fährt man doch immer wieder über längere Strecken direkt an der B9 entlang. Diese ist zwar nicht gerade eine Rennstrecke, aber auch nicht gerade wenig befahren – einsame Strecken sind einfach schöner. Aber was soll man machen – das Rheinufer bietet in dieser Gegend auch nicht besonders viel Platz. Schade ist nur, dass wir unseren (ungefähr) tausendsten Tour-Kilometer (den wir wegen eines Tacho-Malheurs am 3. Tag eben nur ungefähr schätzen können) mitten in einer Baustelle erreichen, wo es leider unmöglich ist, dieses denkwürdige Ereignis gebührend zu feiern. So müssen wir uns damit begnügen, entgegenkommende Autofahrer durch sinnfreie Hampeleien zu irritieren.
Schon wenige Kilometer später wartet ein weiteres Pseudo-Highlight auf uns: die vielbesungene Loreley. Hier machen wir die gleiche Erfahrung wie schon an der Schlögener Schlinge: Von nahem ist das berühmte Ausflugsziel längst nicht so beeindruckend, wie uns die Postkarten glauben machen wollen. Eigentlich eine Kurve wie so viele andere, eher verunziert nur durch den riesigen Campingplatz direkt gegenüber, und noch nicht mal eine Burg oben drauf. Sei es wie es sei, unsere Etappe ist hier zum Glück noch lange nicht zu Ende. In Boppard gönnen wir uns erstmal eine Currywurst am Straßenrand, so eine richtig schmierige mit Pommes Mayo aus dem Pappteller, das gehört zu den Dingen, die ich in Wien definitiv vermisse.
Die letzten Kilometer ziehen sich dann wie oft bei solchen ereignisreichen Etappen ziemlich endlos. Kilometerlanger Koblenzer Stadtwald, nicht enden wollende Vororte und dann ganz durch die Stadt hindurch bis zur Mündung der Mosel – irgendwann habe ich einfach keine Lust mehr. Zur Belohnung bekommen wir dann immerhin noch die letzte Fähre über die Mosel, so dass uns der Umweg über die Brücke erspart bleibt. Die Fähre ist winzig, zugänglich nur über enge Treppen, Hilfe bekommen wir von einem furchtbar netten Ehepaar aus dem Ruhrgebiet, das uns dann auch bis zur Campinganmeldung lotst. Der Platz ist nicht mehr der neueste, riesengroß und vor allem, der Lage und der Jahreszeit angemessen, rappelvoll, und macht trotzdem einen gepflegten, sympathischen Eindruck. Nettes Feature: Der Müllsack, den man bei der Anmeldung gleich mit in die Hand gedrückt bekommt. Wir suchen uns einen der letzten freien Zeltplätze, den wir uns dann später noch mit einem aus Verona kommenden Allein-Radler teilen. Der abendliche Blick über Mosel, Rhein und auf die Festung Ehrenbreitstein versöhnt uns mit den heutigen Anstrengungen.










