Petronell
Tag 1: Wien - Petronell
Jetzt weiß ich endlich, was eine echte Mückenplage ist - es ist wirklich unglaublich, was auf diesem Campingplatz ungefragt an Viechzeux unterwegs war. Natürlich war es auch keine allzu gute Idee, so kurz nach dem Hochwasser ausgerechnet zum Zelten ins Auengebiet zu fahren... Nachmittags hatte ich mir noch Sorgen gemacht, ob ich es wohl schaffen würde, das Zelt allein aufzustellen; abends wusste ich dann, dass das zur Not auch allein innerhalb von Minuten zu bewerkstelligen ist, man sich zwischendurch sogar noch bis über die Ohren in Goretex einwickeln und noch den ein oder anderen Sprint ans andere Ende der Wiese setzen kann. Nicht dass es gegen die kleinen Biester etwas genützt hätte - beim Duschen habe ich mir die Mückenleichen aus den Haaren gespült.
Aber mal von vorn: Als treues Mitglied der schwer arbeitenden Bevölkerung habe ich meinem Arbeitgeber eine Freude gemacht und an diesem Freitag sogar noch bis 14:30 h meiner Knechtschaft gefrönt. Als ich dann auf mein flehentliches Bitten hin endlich ins Wochenende entlassen war, war ich froh, als ich mich endlich auf meinen Drahtesel schwingen konnte - mit Volldampf ging es über Donaukanal und Prater auf die Donauinsel. Da ich den Donauradweg Wien-Hainburg ja schon kannte, hatte ich für die Schönheiten dieser Strecke nicht so wahnsinnig viele Blicke übrig, auch wenn es immer wieder beeindruckende Einblicke in diesen Urwald gibt. Genossen habe ich vor allem das Wetter - perfekt späthochsommerlich, nicht zu warm, die Sonne im Rücken, den Wind von vorn - absolut ideales Radelwetter. Und so sollte es das ganze Wochenende über bleiben, das nur vorweg - genau richtig, um vor dem Kreta-Urlaub die Bräune noch einmal aufzufrischen. Bemerkenswert an der Fahrt durch die Au war vor allem, welche Verwüstungen die große Flut angerichtet hat. An der Verschlammung der Vegetation kann man genau sehen, wie hoch das Wasser gestanden hat, es liegen Unmengen an totem Holz, Gestrüpp und Treibgut herum. Aufräumen wird da sicherlich niemand - da wird das Gebiet sicher selbst ganz gut mit fertig. Anhalten und pausieren durfte man auf diesem Weg allerdings auch nicht; die frisch gefüllten Altarme und Wasserlöcher rechts und links des Radwegs sind die perfekten Mückenzuchtanstalten. Ein paar tierische Highlights gab es allerdings trotzdem zu bewundern: ein Rebhuhn, ein Reiher im Flug, zwei wunderhübsche, riesige, merkwürdig gefleckte Gänse, die ganz mit sich selbst beschäftigt waren, und als absolute Krönung ein Reh, das fünf Meter von mir entfernt am Damm stand, einen Grashalm im Mundwinkel vor sich hinschaute und sich auch durch meinen erstaunten Ausruf nicht verscheuchen ließ.
Auch habe ich heute feststellen müssen, dass es nicht so einfach, mit einem so vollgepackten Rad zu fahren. Immerhin habe ich zum ersten Mal alleine alles dabei, was man so zum Überleben in der Wildnis braucht, vom Zelt bis zum Klopapier - und diesmal kommen die Stabilitätsnachteile eines Damenrahmens voll zum Tragen. Auf Schotter, in engen Kurven und bergab ist die Fahrt ein Vabanquespiel, ständig bricht mir das Hinterrad aus. Ansonsten ist die Fahrerei kein Problem, insgesamt braucht man zwar mehr Kraft, vor allem zum Beschleunigen, aber wenn die Kiste erst einmal läuft, dann läuft sie auch.
Dennoch war ich froh, als ich nach dreieinhalb Stunden Fahrt und ein wenig Herumirren endlich in Petronell auf dem Campingplatz ankam - der übrigens allererste Sahne ist. Der Zeltplatz gehört zu einer Tennishalle, so wird quasi der Garten drumrum mit verwertet - aber 6,60 Euro für mich und mein Zelt sind wirklich ok, wenn die sanitären Anlagen dafür tipptopp und vor allem umsonst sind, man den Platz quasi für sich allein hat (keine Dauercamper!!) und es eine Gaststätte gibt, wo man auch noch spät (und morgens ab 7 Uhr) feste Nahrung bekommt. Ich hätte mir ja gern selbst was gekocht, nur war es leider völlig unmöglich, sich draußen aufzuhalten... Außer mir waren nur noch zwei etwas ältere klappradfahrende englische Reiseradelpärchen da, von denen man aber nicht viel gehört und gesehen hat.
Das Beste an diesem Abend war für mich die heiße und laaaaaaange Dusche nach dem Zeltaufbau - selten habe ich einen Guss so sehr genossen. Danach habe ich mich in die Gaststätte verzogen und mich mit Rindssuppe, Schnitzel und Obi gespritzt gestärkt - und war danach reif für's Bett. Viel mehr hätte ich auch nicht machen können, weil meine Taschenlampe schon vor ihrem ersten Einsatz ihren Geist aufgegeben hat. Nur eine letzte Amtshandlung musste ich noch erledigen: Marcus anrufen und ihn beauftragen, am nächsten Tag eine Apotheke aufzusuchen und das stärkste Antimückenmittel mitzubringen, das nur irgendwie aufzutreiben ist.






